Die Geschichte der Türkei reicht weit über die Gründung der modernen Republik im Jahr 1923 hinaus. Auf dem Gebiet der heutigen Türkei entstanden einige der ältesten bekannten Siedlungen der Menschheit, mächtige antike Königreiche, bedeutende Zentren des Römischen und Byzantinischen Reiches sowie das Osmanische Weltreich.

Zwischen Europa und Asien gelegen, entwickelte sich Anatolien über Jahrtausende zu einer der wichtigsten historischen Regionen der Erde. Hier begegneten sich Kulturen, Religionen, Handelswege und politische Großmächte.

Von den monumentalen Anlagen Göbekli Tepes über die Hauptstadt der Hethiter und das antike Konstantinopel bis zur Republik Mustafa Kemal Atatürks erzählt die Geschichte der Türkei zugleich einen bedeutenden Teil der Weltgeschichte.

Wo beginnt die Geschichte der Türkei?

Die Geschichte des geografischen Raumes der heutigen Türkei beginnt lange vor der Entstehung des türkischen Staates oder der Einwanderung türkischsprachiger Bevölkerungsgruppen nach Anatolien.

Bereits in der Steinzeit lebten Menschen in verschiedenen Regionen Anatoliens. Archäologische Funde belegen, dass sich dort frühe Formen dauerhafter Siedlungen, Landwirtschaft und komplexer sozialer Organisation entwickelten.

Die heutige Türkei umfasst große Teile Anatoliens sowie Ostthrakien in Südosteuropa. Diese geografische Lage machte die Region zu einer natürlichen Verbindung zwischen dem Mittelmeerraum, Mesopotamien, dem Kaukasus und Europa.

Göbekli Tepe: Eines der ältesten Monumentalbauwerke der Menschheit

Zu den außergewöhnlichsten archäologischen Entdeckungen auf dem Gebiet der heutigen Türkei gehört Göbekli Tepe nahe Şanlıurfa im Südosten des Landes.

Die ältesten monumentalen Anlagen der Fundstätte werden ungefähr auf das 10. Jahrtausend vor Christus datiert. Damit entstanden sie Jahrtausende vor den ägyptischen Pyramiden und Stonehenge.

Besonders auffällig sind die großen T-förmigen Steinpfeiler, von denen einige mit Tierdarstellungen und abstrakten Symbolen verziert wurden.

Die Fundstätte zeigt, dass Menschen bereits in der frühen Jungsteinzeit in der Lage waren, umfangreiche Gemeinschaftsprojekte zu organisieren.

Welche religiösen, gesellschaftlichen oder zeremoniellen Funktionen die Anlagen genau erfüllten, ist weiterhin Gegenstand wissenschaftlicher Forschung.

Çatalhöyük: Wie lebten die ersten Siedlungsgemeinschaften Anatoliens?

Eine weitere bedeutende Fundstätte ist Çatalhöyük in Zentralanatolien.

Die neolithische Siedlung war insbesondere zwischen ungefähr 7400 und 6200 vor Christus bewohnt und zählt zu den wichtigsten archäologischen Zeugnissen früher sesshafter Gemeinschaften.

Die dicht aneinandergebauten Häuser besaßen häufig Zugänge über die Dächer. Wandmalereien, Bestattungen innerhalb der Gebäude und zahlreiche Alltagsgegenstände ermöglichen einzigartige Einblicke in das damalige Leben.

Çatalhöyük gilt nicht einfach als erste Stadt der Welt. Die Siedlung ist jedoch ein herausragendes Beispiel für die Entwicklung komplexer Gemeinschaften vor der Entstehung klassischer Stadtstaaten.

Die Hethiter: Eine Großmacht der Bronzezeit

Im zweiten Jahrtausend vor Christus entstand in Zentralanatolien das Reich der Hethiter, eine der bedeutendsten politischen Mächte des Alten Orients.

Sein politisches Zentrum war Ḫattuša, dessen Ruinen sich beim heutigen Boğazkale befinden.

Die Hethiter entwickelten eine leistungsfähige Staatsverwaltung, führten diplomatische Korrespondenz und unterhielten Beziehungen zu anderen Großmächten der Bronzezeit.

Die Schlacht von Kadesch und der Vertrag mit Ägypten

Um 1274 vor Christus trafen hethitische Streitkräfte unter König Muwatalli II. bei Kadesch auf das ägyptische Heer unter Ramses II.

Die Schlacht zählt zu den bekanntesten militärischen Auseinandersetzungen der Bronzezeit. Ihr genauer Ausgang wird historisch unterschiedlich bewertet.

Jahre später schlossen Ägypten und das Hethiterreich unter Ḫattušili III. einen Friedensvertrag, der zu den ältesten umfangreich überlieferten internationalen Friedensabkommen gehört.

Um 1200 vor Christus zerfiel das hethitische Großreich im Zusammenhang mit den weitreichenden politischen und wirtschaftlichen Umbrüchen am Ende der Bronzezeit.

Phryger, Lyder und die Entstehung früher Geldwirtschaft

Nach dem Niedergang des Hethiterreiches entwickelten sich in Anatolien neue politische Zentren.

Zu ihnen gehörten die Phryger, deren Hauptstadt Gordion mit der Überlieferung um König Midas verbunden ist.

Im Westen Anatoliens gewann später das Königreich Lydien mit seiner Hauptstadt Sardes an Bedeutung.

Besonders bekannt wurde Lydien durch die frühe Entwicklung geprägter Münzen aus Elektron, einer natürlichen Gold-Silber-Legierung, im späten 7. Jahrhundert vor Christus.

Diese Münzprägung war ein bedeutender Schritt in der Geschichte standardisierter Zahlungsmittel, auch wenn Geld und Handel bereits lange zuvor existierten.

Die griechischen Städte Anatoliens: Philosophie, Wissenschaft und Handel

Seit dem frühen ersten Jahrtausend vor Christus entstanden an der Westküste Anatoliens zahlreiche griechisch geprägte Siedlungen und Stadtstaaten.

Zu den bekanntesten gehörten Milet, Ephesos, Smyrna und Halikarnassos.

Diese Städte entwickelten sich zu wichtigen Handels- und Kulturzentren der antiken Mittelmeerwelt.

Milet und die Anfänge der griechischen Naturphilosophie

Der Philosoph Thales von Milet, der im 6. Jahrhundert vor Christus wirkte, zählt zu den frühesten bekannten Denkern der griechischen Naturphilosophie.

Gemeinsam mit Anaximander und Anaximenes steht er für Versuche, Naturphänomene durch rationale Erklärungsmodelle zu verstehen.

Die westanatolischen Städte spielten damit eine wichtige Rolle in der Entwicklung antiker Philosophie und Wissenschaft.

Anatolien unter persischer Herrschaft

Im 6. Jahrhundert vor Christus gerieten große Teile Anatoliens unter die Herrschaft des Achämenidenreiches.

Um 547 beziehungsweise 546 vor Christus besiegte der persische König Kyros II. den lydischen Herrscher Kroisos. In den folgenden Jahrzehnten wurde Anatolien in das persische Verwaltungssystem integriert.

Die Region bildete einen wichtigen Bestandteil des Reiches, das sich zeitweise vom Balkan und Ägypten bis nach Zentralasien und an den Indus erstreckte.

Die persische Königsstraße verband Sardes im Westen Anatoliens mit den politischen Zentren des Reiches und erleichterte Kommunikation, Handel und Verwaltung.

Alexander der Große und die hellenistische Epoche

Im Jahr 334 vor Christus überschritt Alexander der Große den Hellespont und begann seinen Feldzug gegen das Perserreich.

Nach dem Sieg am Granikos und weiteren militärischen Erfolgen gelangten große Teile Anatoliens unter makedonische Kontrolle.

Nach Alexanders Tod 323 vor Christus entstanden verschiedene hellenistische Herrschaftsgebiete.

Besonders das Königreich Pergamon entwickelte sich zu einem wichtigen politischen und kulturellen Zentrum.

Die hellenistische Epoche führte zu einer intensiven Verflechtung griechischer, anatolischer und orientalischer Traditionen.

Anatolien im Römischen Reich

Ab dem 2. Jahrhundert vor Christus gewann Rom zunehmend Einfluss in Kleinasien.

133 vor Christus vermachte Attalos III. das Königreich Pergamon testamentarisch an Rom. Daraus entwickelte sich die römische Provinz Asia.

In den folgenden Jahrhunderten wurde Anatolien zu einer wirtschaftlich und kulturell bedeutenden Region des Römischen Reiches.

Städte wie Ephesos, Pergamon und Aphrodisias erlebten bedeutende Bauprogramme und wirtschaftlichen Aufschwung.

Warum ist Ephesos historisch so bedeutend?

Ephesos war eines der wichtigsten urbanen Zentren der römischen Provinz Asia.

Die Stadt ist heute unter anderem für die Überreste der Celsus-Bibliothek, ihres großen Theaters und des Artemisheiligtums bekannt.

Das Heiligtum der Artemis gehörte zu den sieben Weltwundern der Antike.

Konstantinopel: Die Stadt zwischen zwei Kontinenten

Im Jahr 330 nach Christus weihte Kaiser Konstantin I. die Stadt Konstantinopel als neue kaiserliche Residenz ein.

Die Stadt entstand am Standort des älteren Byzantion am Bosporus.

Ihre Lage zwischen Europa und Asien ermöglichte die Kontrolle wichtiger See- und Handelswege zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer.

Nach der dauerhaften Teilung der römischen Reichsherrschaft im Jahr 395 entwickelte sich Konstantinopel zum politischen Zentrum des Oströmischen Reiches.

Das Byzantinische Reich: Mehr als tausend Jahre römische Tradition

Das heute als Byzantinisches Reich bezeichnete Oströmische Reich bestand bis zur osmanischen Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453.

Seine Bewohner verstanden sich über lange Zeit als Römer. Der Begriff „Byzantinisches Reich“ wurde erst in der späteren Geschichtsschreibung etabliert.

Unter Kaiser Justinian I. im 6. Jahrhundert erlebte das Reich eine Phase militärischer Expansion und umfassender Rechtskodifikation.

Die Hagia Sophia und ihre historische Bedeutung

Zwischen 532 und 537 wurde in Konstantinopel unter Justinian I. die Hagia Sophia errichtet.

Das monumentale Kuppelbauwerk gehörte zu den bedeutendsten Kirchen der christlichen Welt.

Nach der osmanischen Eroberung wurde es zur Moschee umgewandelt. 1935 wurde es als Museum eröffnet; seit 2020 wird es wieder als Moschee genutzt.

Die Hagia Sophia verkörpert bis heute die vielschichtige religiöse und politische Geschichte Istanbuls.

Wie kamen die Türken nach Anatolien?

Die historischen Wurzeln der türkischsprachigen Bevölkerungsgruppen liegen in Innerasien.

Verschiedene turksprachige Gruppen wanderten über Jahrhunderte nach Westen. Besonders die Oghusen spielten eine zentrale Rolle bei der späteren Turkisierung Anatoliens.

Im 11. Jahrhundert gewann die Dynastie der Seldschuken im Nahen Osten zunehmend an Einfluss.

1071: Die Schlacht von Manzikert

Am 26. August 1071 besiegte der seldschukische Sultan Alp Arslan das byzantinische Heer unter Kaiser Romanos IV. Diogenes bei Manzikert, dem heutigen Malazgirt.

Die Schlacht gilt als wichtiger Wendepunkt in der Geschichte Anatoliens.

Sie erleichterte in Verbindung mit den anschließenden politischen Krisen des Byzantinischen Reiches die Ausbreitung türkischer Herrschaften und die Ansiedlung türkischsprachiger Gruppen.

Die kulturelle und sprachliche Transformation Anatoliens erfolgte jedoch schrittweise über mehrere Jahrhunderte.

Das Sultanat der Rum-Seldschuken

In Anatolien entstand das Sultanat der Rum-Seldschuken, dessen bedeutendstes politisches Zentrum später Konya wurde.

Besonders im 12. und 13. Jahrhundert entwickelte sich ein kulturell vielfältiger Staat, in dem türkische, persische, arabische, griechische und armenische Einflüsse zusammenwirkten.

Die Seldschuken förderten Handelswege, Karawansereien, religiöse Einrichtungen und städtische Zentren.

Nach der Niederlage gegen die Mongolen bei Köse Dağ im Jahr 1243 geriet das Sultanat zunehmend unter mongolischen Einfluss und verlor an politischer Selbstständigkeit.

Die Entstehung des Osmanischen Reiches

Aus den politischen Umbrüchen Anatoliens gingen zahlreiche türkische Fürstentümer hervor.

Eines dieser Fürstentümer wurde von Osman I. geführt, dessen Herrschaft traditionell mit der Entstehung des Osmanischen Reiches um 1299 verbunden wird.

Das zunächst kleine Herrschaftsgebiet im Nordwesten Anatoliens expandierte im 14. Jahrhundert sowohl in Anatolien als auch auf dem Balkan.

Unter Orhan wurde Bursa 1326 erobert und entwickelte sich zu einem wichtigen frühen Zentrum osmanischer Herrschaft.

1453: Die Eroberung Konstantinopels durch Mehmed II.

Am 29. Mai 1453 eroberten die Osmanen unter Sultan Mehmed II. Konstantinopel.

Mit dem Fall der Stadt endete das Byzantinische Reich als eigenständiger Staat.

Die Eroberung zählt zu den bedeutendsten Ereignissen der spätmittelalterlichen Geschichte.

Konstantinopel entwickelte sich zum politischen und kulturellen Zentrum des Osmanischen Reiches und wurde im Laufe der Zeit zunehmend unter dem Namen Istanbul bekannt.

Die Eroberung wird häufig als symbolischer Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit beschrieben. Historische Epochen lassen sich jedoch nicht auf ein einzelnes Ereignis reduzieren.

Süleyman der Prächtige und die Blütezeit des Osmanischen Reiches

Unter Sultan Süleyman I., der von 1520 bis 1566 regierte, erreichte das Osmanische Reich eine Phase großer politischer und militärischer Macht.

Seine Herrschaft erstreckte sich über bedeutende Teile Südosteuropas, des Nahen Ostens und Nordafrikas.

1526 besiegten osmanische Streitkräfte das ungarische Heer in der Schlacht bei Mohács.

1529 belagerten die Osmanen Wien, konnten die Stadt jedoch nicht einnehmen.

Die osmanische Epoche war zugleich durch bedeutende Entwicklungen in Architektur, Verwaltung, Recht, Literatur und Kunst geprägt.

Mimar Sinan und die osmanische Architektur

Der Architekt Mimar Sinan, der im 16. Jahrhundert wirkte, zählt zu den bedeutendsten Baumeistern der osmanischen Geschichte.

Zu seinen bekanntesten Werken gehören die Süleymaniye-Moschee in Istanbul und die Selimiye-Moschee in Edirne.

Seine Architektur verband monumentale Kuppelkonstruktionen mit einer sorgfältig abgestimmten Raumgestaltung.

Warum verlor das Osmanische Reich seine Macht?

Der langfristige Machtverlust des Osmanischen Reiches hatte zahlreiche Ursachen.

Dazu gehörten Veränderungen der europäischen Wirtschafts- und Militärsysteme, territoriale Verluste, finanzielle Belastungen, politische Konflikte und nationalistische Unabhängigkeitsbewegungen.

Im 19. Jahrhundert versuchten osmanische Herrscher durch umfassende Reformen, den Staat zu modernisieren.

Die Tanzimat-Reformen ab 1839 sollten unter anderem Verwaltung, Recht und Staatsorganisation neu gestalten.

Trotz dieser Reformbemühungen verschärften sich die inneren und äußeren Krisen des Reiches.

Der Erste Weltkrieg und das Ende des Osmanischen Reiches

1914 trat das Osmanische Reich auf der Seite der Mittelmächte in den Ersten Weltkrieg ein.

Der Krieg brachte enorme militärische Verluste, wirtschaftliche Zerstörungen und tiefgreifende gesellschaftliche Umbrüche.

Während des Krieges verübte die osmanische Führung 1915 und in den folgenden Jahren den Völkermord an den Armeniern. Auch andere christliche Bevölkerungsgruppen waren von Verfolgung und massiver Gewalt betroffen.

Nach der Niederlage der Mittelmächte unterzeichnete das Osmanische Reich am 30. Oktober 1918 den Waffenstillstand von Mudros.

Die anschließende Besetzung und geplante Aufteilung osmanischer Gebiete führten zu einer neuen politischen und militärischen Bewegung in Anatolien.

Mustafa Kemal Atatürk und der türkische Unabhängigkeitskrieg

Mustafa Kemal, später unter dem Namen Atatürk bekannt, entwickelte sich zur zentralen Führungspersönlichkeit der türkischen Nationalbewegung.

Seine Ankunft in Samsun am 19. Mai 1919 gilt in der türkischen Erinnerungskultur als wichtiger Ausgangspunkt des Unabhängigkeitskampfes.

Am 23. April 1920 trat in Ankara die Große Nationalversammlung zusammen.

In den folgenden Jahren setzte sich die Nationalbewegung militärisch und politisch gegen ihre Gegner durch.

Der Vertrag von Lausanne vom 24. Juli 1923 erkannte die internationale Stellung des neuen türkischen Staates und seine Grenzen in wesentlichen Teilen an.

29. Oktober 1923: Die Gründung der Republik Türkei

Am 29. Oktober 1923 wurde die Republik Türkei ausgerufen.

Mustafa Kemal Atatürk wurde ihr erster Präsident. Ankara wurde zur Hauptstadt.

Die Gründung der Republik markierte den Übergang vom osmanischen Herrschaftssystem zu einem republikanischen Nationalstaat.

Unter Atatürk begann ein umfassender politischer, gesellschaftlicher und institutioneller Umbau.

Welche Reformen führte Atatürk ein?

  • 1924 wurde das Kalifat abgeschafft.
  • 1926 trat ein neues Zivilgesetzbuch in Kraft, das sich am Schweizer Recht orientierte.
  • 1928 wurde das lateinisch basierte türkische Alphabet eingeführt.
  • 1930 erhielten Frauen das aktive und passive Wahlrecht bei Kommunalwahlen.
  • 1934 wurde das allgemeine parlamentarische Wahlrecht für Frauen eingeführt.
  • 1937 wurde der Laizismus ausdrücklich in der Verfassung verankert.

Die Reformen veränderten Staat, Bildung, Recht und gesellschaftliches Leben tiefgreifend.

Gleichzeitig war die frühe Republik durch eine autoritäre Einparteienherrschaft und erhebliche Einschränkungen politischer Opposition geprägt.

Die Türkei nach Atatürk: Demokratisierung und politische Umbrüche

Nach Atatürks Tod am 10. November 1938 übernahm İsmet İnönü das Präsidentenamt.

Die Türkei blieb während des größten Teils des Zweiten Weltkriegs neutral und erklärte Deutschland und Japan erst im Februar 1945 den Krieg.

1950 kam es zu einem historischen demokratischen Machtwechsel, als die Demokratische Partei unter Adnan Menderes die Parlamentswahlen gewann.

Die folgenden Jahrzehnte waren von wirtschaftlicher Entwicklung, gesellschaftlichen Veränderungen, politischen Spannungen und wiederholten Eingriffen des Militärs geprägt.

Besonders einschneidend waren die Militärputsche von 1960 und 1980 sowie die militärische Intervention von 1971.

Die Türkei und Europa: Migration, NATO und wirtschaftliche Verflechtung

1952 trat die Türkei der NATO bei und wurde damit zu einem strategisch bedeutenden Mitglied des westlichen Verteidigungsbündnisses.

Ein weiterer Wendepunkt war das deutsch-türkische Anwerbeabkommen von 1961.

In den folgenden Jahrzehnten wanderten zahlreiche Menschen aus der Türkei nach Deutschland aus und prägten die wirtschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung beider Länder.

Die Beziehungen zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und später zur Europäischen Union entwickelten sich parallel weiter.

1996 trat die Zollunion zwischen der Türkei und der Europäischen Union für wesentliche Industriegüter in Kraft.

2005 begannen formelle EU-Beitrittsverhandlungen, die später weitgehend zum Stillstand kamen.

Die Türkei im 21. Jahrhundert

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts erlebte die Türkei bedeutende wirtschaftliche, infrastrukturelle und politische Veränderungen.

Unter der politischen Führung Recep Tayyip Erdoğans, der 2003 Ministerpräsident und 2014 Präsident wurde, wandelte sich das politische System erheblich.

Nach dem gescheiterten Militärputsch vom 15. Juli 2016 folgten weitreichende staatliche Maßnahmen und politische Auseinandersetzungen.

Durch eine Verfassungsänderung und deren Umsetzung 2018 wurde das parlamentarische Regierungssystem durch ein exekutives Präsidialsystem ersetzt.

Internationale Beobachter und Menschenrechtsorganisationen kritisieren seit Jahren Einschränkungen der Pressefreiheit, der richterlichen Unabhängigkeit und politischer Grundrechte.

Gleichzeitig ist die Türkei ein bedeutender Industrie-, Handels- und Technologiestandort mit großer regionaler und internationaler Bedeutung.

Warum ist die Türkei geopolitisch so wichtig?

Die Türkei liegt an einer der strategisch wichtigsten Schnittstellen Eurasiens.

Sie kontrolliert mit dem Bosporus und den Dardanellen die Meerengen zwischen Schwarzem Meer und Mittelmeer.

Darüber hinaus grenzt sie an den Balkan, den Kaukasus und den Nahen Osten.

Diese geografische Lage verleiht ihr eine besondere Rolle in Fragen der internationalen Sicherheit, Energieversorgung, Migration und Handelslogistik.

Die Türkei ist zugleich Mitglied der NATO, der G20 und verschiedener regionaler Kooperationsorganisationen.

Die wichtigsten Ereignisse der türkischen und anatolischen Geschichte im Überblick

Zeitraum Historisches Ereignis
Ab ca. 9600 v. Chr. Frühe monumentale Anlagen von Göbekli Tepe
Ca. 7400–6200 v. Chr. Neolithische Siedlung Çatalhöyük
2. Jahrtausend v. Chr. Aufstieg des Hethiterreiches
Ca. 547/546 v. Chr. Persische Eroberung Lydiens
334 v. Chr. Alexander der Große beginnt seinen Feldzug in Anatolien
330 n. Chr. Einweihung Konstantinopels als kaiserliche Residenz
1071 Schlacht von Manzikert
Um 1299 Traditioneller Beginn des Osmanischen Reiches
1453 Osmanische Eroberung Konstantinopels
1520–1566 Herrschaft Süleymans I.
1919–1923 Türkischer Unabhängigkeitskampf und Staatsgründung
29. Oktober 1923 Gründung der Republik Türkei
1952 Beitritt zur NATO
2018 Übergang zum exekutiven Präsidialsystem

Häufig gestellte Fragen zur Geschichte der Türkei

Wie alt ist die Geschichte der Türkei?

Die moderne Republik Türkei wurde am 29. Oktober 1923 gegründet. Die Geschichte des Gebietes der heutigen Türkei reicht jedoch bis in die Altsteinzeit zurück. Monumentale Anlagen wie Göbekli Tepe sind mehr als 11.000 Jahre alt.

Wer lebte vor den Türken in Anatolien?

Vor der Ausbreitung türkischsprachiger Gruppen lebten in Anatolien zahlreiche Bevölkerungen und Kulturen, darunter Hethiter, Hattier, Luwier, Phryger, Lyder, Griechen, Armenier und andere Gemeinschaften. Später war Anatolien ein zentraler Bestandteil des Römischen und Byzantinischen Reiches.

Wann kamen die Türken nach Anatolien?

Turksprachige Gruppen gelangten über verschiedene Migrationsbewegungen nach Anatolien. Besonders im 11. Jahrhundert nahm ihre Präsenz zu. Die Schlacht von Manzikert im Jahr 1071 gilt als wichtiger Wendepunkt.

Wer gründete das Osmanische Reich?

Als Gründer des Osmanischen Reiches gilt Osman I. Die Entstehung des Reiches wird traditionell auf die Zeit um 1299 datiert, obwohl seine frühen Entwicklungsphasen historisch nicht vollständig dokumentiert sind.

Warum hieß Istanbul früher Konstantinopel?

Die Stadt wurde im Jahr 330 unter Kaiser Konstantin I. als Konstantinopel zur kaiserlichen Residenz ausgebaut. Der Name Istanbul war bereits in osmanischer Zeit gebräuchlich und wurde in der modernen Türkei als offizieller internationaler Name etabliert.

Wann wurde die Türkei gegründet?

Die Republik Türkei wurde am 29. Oktober 1923 gegründet. Mustafa Kemal Atatürk wurde ihr erster Präsident und Ankara zur Hauptstadt.

Was war vor der Republik Türkei?

Der wichtigste unmittelbare Vorgängerstaat war das Osmanische Reich. Es entstand im späten 13. Jahrhundert und bestand als dynastischer Staat bis zur Abschaffung des Sultanats 1922. Die Republik wurde 1923 ausgerufen.

Fazit: Die Türkei als Schnittstelle großer Zivilisationen

Die Geschichte der Türkei ist weit mehr als die Geschichte eines einzelnen Staates oder Volkes.

Auf dem Gebiet der heutigen Türkei entstanden frühgeschichtliche Siedlungen, antike Königreiche und bedeutende Zentren der griechischen, römischen, byzantinischen, seldschukischen und osmanischen Welt.

Die moderne Republik entwickelte sich aus dieser vielschichtigen historischen Landschaft und den politischen Umbrüchen des frühen 20. Jahrhunderts.

Wer die Geschichte der Türkei verstehen möchte, muss deshalb sowohl die jahrtausendealte Geschichte Anatoliens als auch die Entstehung des modernen türkischen Nationalstaates betrachten.